Cornelius, herzlichen Glückwunsch zu deiner Berufung. Du bist jetzt Professor für Arbeits- und Personalökonomie bei uns. Wie waren deine ersten Wochen bei uns?
Cornelius Markert: Vielen Dank! Ich habe den Weg der UoL von Anfang an verfolgt, das hat mir den Einstieg definitiv erleichtert. Ich bin begeistert von dem Team hier und fühle mich gut aufgenommen. Besonders gut gefällt mir das Miteinander und der Austausch mit den Studierenden. Sie bringen ein beeindruckendes Praxiswissen mit, sodass wir in den Seminaren super zusammenkommen: Erfahrungen und Wissen aus der Forschung verbinden sich mit Erfahrung und Fragen aus der Praxis. Das hatte ich gehofft und das zeigt sich auch so.
Welche Themen werden dir in deiner Lehre besonders wichtig sein?
Ich habe mich an meinen bisherigen Stationen stets mit Fragen von Guter Arbeit, Produktivität und Gesellschaft beschäftigt. Zudem habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein ganzheitlicher Blick sehr hilfreich ist, gerade wenn es um Fragen der Zukunft der Arbeit geht. Dazu sind die Voraussetzungen auch an der UoL richtig gut, weil wir interdisziplinär arbeiten und lehren. Ich bringe da meine ökonomische und auch historische Perspektive ein. Das ergänzt sich auch in der Lehre sehr gut. Die Studierenden lernen in allen Studiengängen unterschiedliche Perspektiven kennen.
Welche Fragestellungen sind für dich gerade besonders interessant?
Das sind einerseits die ganz großen Fragen: Wie wollen wir als Gesellschaft zusammenleben und -arbeiten? Andererseits sind es konkrete Fragen, zum Beispiel nach den Produktivitätseffekten von künstlicher Intelligenz, die gerade sehr relevant sind. Das Feld ist sehr stark ökonomisch und durch Forschung in den USA getrieben. Da ist meiner Meinung nach eine fachlich breitere und international vergleichende Perspektive eine gute Chance, viel zu lernen.
Was den Arbeitsmarkt angeht, gibt es gerade auch viele spannende Fragen, z. B. bezüglich der sozialen Sicherungssysteme. Meiner Meinung nach gehören beide Themen zusammen: Das Feld, in dem KI und Arbeitsmarkt verbunden werden, ist noch offen.
Wir würden dich gerne ein bisschen besser kennenlernen: Was hast du gemacht, bevor du zu uns gekommen bist?
Ich habe an der Universität Paderborn Wirtschafts- und Kulturwissenschaften studiert und danach an der Schnittstelle zwischen Uni und Praxis promoviert. Am Institut für Arbeit und Personalmanagement der AutoUni in Wolfsburg haben wir uns mit tagesaktuellen Personal- und Organisationsfragen der Gestaltung von Arbeit im VW Konzern beschäftigt. Da ginge es um Themen wie etwa die Überarbeitung der jährlichen Mitarbeiterbefragung, aber auch mit übergeordnete Fragen nach der Zukunft der Arbeit oder wie ein zukunftsfähiges, strategisches Personalmanagement aussehen sollte. 2017 bin ich dann ans Institut für die Geschichte und Zukunft der Arbeit (IGZA) gewechselt. Dort bin ich auch weiterhin Geschäftsführer, das ergänzt sich sehr gut zu meiner Professur an der UoL.
Beim IGZA hast du mit anderen Forschenden zusammen an der Matrix der Arbeit gearbeitet. Was habt ihr da genau gemacht?
Das Forschungsprojekt “Matrix der Arbeit” ist das Kernprojekt des IGZA, wo die unterschiedlichen Fäden aus den einzelnen anderen Teilprojekten zusammenlaufen. Wir haben versucht, eine historisch-empirische und analytische Schneise durch die Geschichte der Arbeit und die verschiedenen Dimensionen zu schlagen, mit denen sie in Wechselwirkung steht. Das geht von Wissenschaft und Kommunikation über Energie und Technik bis hin zu Herrschaft, Bevölkerungsentwicklung und Ökologie. Dabei haben wir die ganz langen Linien der Entwicklung betrachtet: Angefangen von der Wildbeuterei über die Agrikulturzeit bis zur kapitalistischen Epoche, in der wir uns heute befinden, und auch ein Blick auf die Zukunft der Arbeit im 21. Jahrhundert geworfen. Das war sehr fruchtbar und hat zu vielen interessanten Thesen geführt. Die Ergebnisse sind frei zugänglich. Ich kann nur dazu ermuntern, da mal reinzuschnuppern.
Das klingt nach einem echten Mammutprojekt mit vielen Perspektiven: Wie habt ihr euch da aufgeteilt?
Mammutprojekt trifft es gut, sowohl vom Aufwand her als auch darin, die vielen verschiedenen Perspektiven miteinander zu verbinden. In der Zeit konnte ich sehr viel lernen, insbesondere von meinen Mitforschenden aus vielen unterschiedlichen Disziplinen. Einige Zeit habe ich mir meinen Schreibtisch z. B. mit einem Archäologen geteilt. Er hat eine super interessante Sicht auf die Welt und wahnsinnig viel praktisches Wissen. Als wir beispielsweise über die Komplexität der Werkzeugherstellung diskutierten, ist er spontan mit uns vor die Tür und hat uns gezeigt, wie man mit wenigen Handgriffen und dem Material direkt vor Ort einen Speer und eine Speerschleuder baut. Schon hatte die Diskussion eine andere Qualität.
Und was war deine Rolle im Projekt?
Meine Rolle war fachlich die Perspektive von Arbeitsproduktivität, Güter- und Zeitwohlstand und Arbeitszeitentwicklung. Als Teil des Kernteams habe ich mich außerdem um den Blick aufs große Ganze gekümmert. Unsere Arbeit an dem Projekt setzen wir übrigens weiter fort. Und wir haben auf Basis unserer Analysen im letzten Jahr ein Buch veröffentlicht, das erst gar nicht geplant war, aber leider aktuell sehr notwendig erscheint. Ein Buch zu den langen Entwicklungslinien von Krieg und Frieden, in dem wir zu einer klaren These kommen: Frieden im 21. Jahrhundert auf dem Planeten Erde ist möglich – aber er ist nur simultan mit Nachhaltigkeit und einem fair verteilten Wohlstand für Alle erreichbar.
Neben der Forschung zählt zu deinen Kernaufgaben bei uns auch die Lehre. Was ist der Kern dessen, was du Studierenden weitergeben möchtest?
Mir ist ein gutes und kritisches Verständnis für Empirie sehr wichtig. Das braucht man, um Zusammenhänge zu verstehen und einordnen zu können. In der Wissenschaft sollte es nicht darum gehen, sich in theoretischen Modellen zu verlieren. Was mir wichtig ist: Auch mal einen Schritt zurücktreten und das weite Gesamtbild betrachten.
Kannst du dafür ein Beispiel geben?
Aktuell wird viel über Demografie und Arbeit diskutiert. Wenn wir uns den demografischen Wandel in Deutschland anschauen, könnte man sagen, wir könnten uns eine Arbeitszeitverkürzung aus demografischen Gründen gerade “nicht leisten”. Das stimmt. Allerdings nur aus rein demografischer Sicht und auch da nur für die nächsten 10 bis 20 Jahre. Wenn wir einen Schritt zurücktreten und die langfristige Entwicklung in den Blick nehmen, öffnet sich ab 2040 ein Fenster, in dem sich die Demografie stabilisiert. Zudem besteht immer die Möglichkeit, Produktivitätsgewinne, z. B. durch klugen und menschenzentrierten KI-Einsatz, für Arbeitszeitverkürzungen zu nutzen. Studierende sollen bei mir lernen, ihre Perspektive zu weiten.
Letzte Frage: Zu einem Arbeitsvertrag gehören ja immer zwei. Was hat dich von der University of Labour überzeugt?
Das Profil hat mich direkt angesprochen, das Projekt einer Hochschule in Trägerschaft der Gewerkschaften finde ich sehr spannend. Mich hat dann vor allem überzeugt, dass so eine starke Verbindung von Praxis und Wissenschaft erkennbar ist: An der UoL wollen wir gemeinsam über wichtige Themen nachdenken, um sie voranzubringen. Und mir ist die interdisziplinäre Perspektive sehr wichtig. Mein Eindruck nach den ersten Wochen ist: Ich bin hier genau richtig! Es bringt mir sehr viel Freude, an so einer jungen und ambitionierten Hochschule zu arbeiten. Der Spirit ist großartig und alle sind offen für die Zusammenarbeit. Ich habe das Gefühl, dass wir hier viel Gutes erreichen können.