Hallo Anja, hallo Tobias, euer neues Forschungsprojekt heißt Mitbestimmung gestaltet Transformation. Um was geht es in eurem Projekt?
Anja Bultemeier: Gerade ändert sich ja Vieles durch die digitale Transformation. Unternehmen werden in sämtlichen Bereichen umstrukturiert. Das alles passiert oft auch noch in relativ kurzer Zeit. Daraus ergeben sich neue Herausforderungen für die Mitbestimmung, die im Alltag häufig nicht angemessen bearbeitet werden können. Das Ziel unseres Projektes soll daher sein, diesen Herausforderungen mit gemeinsamen Strategien für eine neue Art der Mitbestimmung zu begegnen.
Könnt ihr kurz beschreiben, vor welchen Herausforderungen die Mitbestimmung in der Transformation steht?
Tobias Kämpf: Aktuell erleben wir einen historischen Strukturbruch in der Arbeitswelt. In den Auswirkungen ist das wahrscheinlich nur mit der Industrialisierung vergleichbar. Als Unternehmen ist der wettbewerbsentscheidende Faktor mittlerweile, wie du mit Daten umgehen kannst. Dabei wird häufig vergessen, dass Menschen mit diesen Daten arbeiten. Sie sind im Zentrum dieses Prozesses.
Was bedeutet das für euren Forschungsansatz?
AB: Der Umbruch ist zu weitreichend und komplex, um Lösungen von Einzelpersonen zu erwarten. Uns ist bewusst, dass die angesprochenen Herausforderungen nur durch kollektive Intelligenz der Mitbestimmungsaktiven vor Ort bewältigt werden können. Sie sind die Expert:innen und können oft am besten bewerten, was konkret gebraucht wird. Aus diesem Grund haben wir uns dazu entschieden, sogenannte Praxislaboratorien durchzuführen. Darin arbeiten mehrere Personen aus verschiedenen Bereichen gemeinsam an einer Lösung. Mit der Methode haben wir bereits in anderen Projekten gute Erfahrungen gesammelt.
Könnt ihr erklären, was genau unter einem Praxislaboratorium zu verstehen ist?
TK: Zentral sind hier die Aktiven vor Ort, die von den Veränderungen betroffen sind – als Beschäftigte, Betriebsrät:innen, Vertrauensleute und Gewerkschaftsfunktionär:innen. Sie bringen ihre jeweiligen Erfahrungen und Sichtweisen ein. Wir als Wissenschaftler:innen begleiten das Ganze und unterstützen bei Bedarf. Die Praxislaboratorien bauen auf drei Säulen auf: Sie sind agil, lösungsorientiert und stellen vor allem die Beteiligung der Menschen ins Zentrum.
AB: Man kann sich das als Lern- und Erfahrungsräume vorstellen. Da kommen Menschen zusammen, die sonst eigentlich nicht zusammenkommen würden, und arbeiten dann gemeinsamen an einer Lösung für eine neue Form der Mitbestimmung.
Wie genau läuft das dann ab?
TK: Wir arbeiten in agilen Sprints von 4 bis 8 Wochen. Am Ende von jedem Sprint sollen dann auch schon konkrete Ergebnisse stehen. Dabei lernen wir immer wieder schrittweise dazu und bewerten neu, was gut funktioniert und was man verändern sollte.
AB: Wir entwickeln als erstes sogenannte Zukunftsszenarien für die Region. Dabei schauen wir uns empirisch an, vor welche Herausforderungen die Transformation die Mitbestimmung beispielsweise in der Automobilindustrie oder mit Blick auf neue Angestelltengruppen stellt. Diese Szenarien bringen wir dann in die Kickoffs zu den Praxislaboratorien mit ein. Auf dieser Basis entscheiden wir, in welche Richtung es geht.
Apropos Region: Warum habt ihr euch gerade für die Metall- und Elektroindustrie Südostniedersachsens entschieden?
TK: Die Region kann man durchaus als eine der Herzkammern der Mitbestimmung bezeichnen. Seit Jahrzehnten gibt es dort eine große und aktive Mitbestimmungskultur und eine starke Gewerkschaftsbewegung, die das Gesicht der Region maßgeblich geprägt hat. Gleichzeitig ist die Region aber auch ein Paradebeispiel für die Umbrüche und Ungewissheiten, die die aktuelle Transformation mit sich bringt.
AB: Gerade, weil Südostniedersachsen ein Zentrum der Transformation ist, sind die Anforderungen an eine Neuorientierung der Mitbestimmung hier besonders ausgeprägt. Und die Erkenntnisse aus der Praxis sind sicherlich auch für andere Regionen interessant. Die Transformation gilt ja nicht nur für die Metall- und Elektroindustrie, sondern auch für andere Bereiche. Unsere Idee war hier, in einer Modellregion zu forschen, von der auch andere Branchen und Regionen lernen können.
Letzte Frage: Was hat euch zum Projekt motiviert?
TK: Uns war von Anfang an klar: Mitbestimmung kann ein zentraler Erfolgsfaktor für die Transformation sein. Betriebsrät:innen sind im ständigen Austausch mit der Belegschaft. Sie wissen deshalb ganz genau, wo es im Unternehmen gerade knirscht. Und sie können an einer Zukunft mitwirken, die gute Arbeit, Beschäftigungssicherheit und strategische Einflussnahme auch unter veränderten Bedingungen ermöglicht. Wir nehmen deshalb Betriebsrät:innen als gestaltende Akteur:innen ganz bewusst in den Fokus.
AB: Für Betriebsrät:innen und andere Mitbestimmungsakteur:innen bieten die Praxislaboratorien die Möglichkeit, sich mit Menschen aus verschiedenen Bereichen auszutauschen. Im Austausch kann man viel besser begreifen, welche Herausforderungen es gibt und wie man diese am besten angehen kann. Die Beteiligten lernen voneinander und entwickeln gemeinsam neue Strategien. Wir dokumentieren dann die Ergebnisse und versuchen, verallgemeinerbare Aussagen zu treffen. Es ist also eine win-win-Situation für alle.
Danke euch beiden für das Gespräch.