Heiko, im Betriebsverfassungsgesetz kommt das Wort Strategie nicht vor. Warum ist Strategie trotzdem ein Thema für den Betriebsrat?
In größeren Unternehmen ist das Thema Strategie gleich doppelt wichtig. Denn Betriebsrät:innen befassen sich da einerseits mit Fragen der Strategie des Unternehmens. Das gilt zum Beispiel im Wirtschaftsausschuss, da diskutieren sie mit dem Arbeitgeber über zentrale wirtschaftliche Themen. In noch größeren Unternehmen kommen oft noch KBR und GBR hinzu, in denen wichtige Fragen des Gesamtunternehmens besprochen werden. Gleichzeitig steigt mit der Größe des Unternehmens andererseits auch die Notwendigkeit, dass sich der Betriebsrat selbst strategisch ausrichten muss. Die Aufgabe liegt dann oft bei den Vorsitzenden. Einige Betriebrät:innen haben also eine strategische Doppelrolle – und genau auf die soll sie unser neuer berufsintegrativer MBA vorbereiten.
Und wie bereitet der MBA Betriebsrät:innen auf diese Doppelrolle vor?
Der MBA besteht dazu aus drei Kernbereichen, die hintereinander durchlaufen werden: General Management, Strategisches Management und Partizipative Transformation. Unsere Studierenden lernen darin, was gute und zukunftsorientierte Entscheidungen ausmacht und wie sie diese selbst treffen. Dabei gehen wir ganz besonders auf den hohen Veränderungsdruck ein, mit dem viele Unternehmen und auch die Mitbestimmung aktuell konfrontiert sind. Uns ist wichtig, dass Betriebsrät:innen in der Transformation die Beteiligung der Beschäftigten sicherstellen können. Denn gerade das war in der Vergangenheit ein wichtiges Erfolgsmodell in Deutschland.
Kannst du noch mal etwas genauer erklären, was sich hinter den drei von dir genannten Kernbereichen verbirgt?
In General Management lernen unsere Studierenden vertieftes Wissen rund um die Führung von Organisationen. Dazu lernen sie erst mal, wirtschaftliche Zusammenhänge genau zu analysieren und darauf aufbauend gute Entscheidungen zu treffen. Außerdem lernen sie, wie sie Teams und Organisationen verantwortungsvoll führen. Dabei schauen wir uns auch wichtige Praxisfälle an. Die Führung von einem Team aus ehrenamtlichen Betriebsrats-Mitgliedern ist etwas anderes als die Führung von Unternehmen. Betriebsratsvorsitzende sollten sich aber mit beidem auskennen.
Und wie unterscheidet sich dann Strategie von Führung?
Strategie und Führung müssen natürlich Hand in Hand gehen. Wer Richtungsentscheidungen treffen will, sollte auch wissen, wohin man eigentlich laufen will und wo man sich gerade befindet. Im Bereich Strategisches Management machen unsere Studis dazu einen Deepdive in Strategie: Sie lernen, wie sie gute Strategien entwickeln und dann auch ihre Umsetzung steuern. Dazu befassen wir uns z.B. sehr genau mit ökonomischen, aber auch mit sozialen und ökologischen Kennzahlen. Für Betriebsrät:innen ist dann entscheidend: Jede Strategie ist nur so gut wie die Menschen, die sie auch ausführen. Deshalb lernen unsere Studierenden hier auch, wie strategische Personalpolitik aussieht und worauf sie auch mit Blick auf anstehende Veränderungen achten müssen, also z.B. in der Transformation.
Transformation ist in vielen Unternehmen gerade das zentrale Thema. Welche Rolle spielt Transformation im MBA?
Genau darum dreht sich dann der dritte Kernbereich. Uns ist bei dem Thema Transformation wichtig, dass Beschäftigte an Veränderungen beteiligt werden und dabei nicht unter die Räder kommen. Dazu befassen wir uns intensiv mit den zentralen Treibern der aktuellen Veränderungsprozesse wie etwa Digitalisierung und Dekarbonisierung. Unsere Studierenden lernen dann, warum Beteiligung für Veränderungen eine zentrale Rolle spielt und wie sie Beteiligung konkret in ihrer Praxis organisieren.
Der Praxisbezug ist für die meisten Betriebsräte sehr wichtig. Wie stellt das Studium den Bezug zur Betriebsratspraxis sicher?
Bei uns ist der Praxisbezug der rote Faden des Studiums: Berufsintegrativ studieren heißt, dass alle während des Studiums weiterhin arbeiten und ihre Praxis in das Studium einbringen. Betriebsräte bringen ihre eigenen echten Beispiele ein, reflektieren sie gemeinsam mit der Gruppe wissenschaftlich und können das neue Wissen dann auch direkt wieder anwenden. Bei der Anwendung unterstützen auch unsere Transferarbeiten, und in der Masterarbeit entwickeln unsere Studis eine eigene Lösung für ein konkretes Problem aus ihrer Praxis. Zusätzlich gibt es ein Praxislabor, in dem sich die Studis mit erfahrenen Praktiker:innen austauschen. Und im Spezialisierungsbereich wählen sie ein Feld, in dem sie ihr Wissen passend zu den eigenen Themen vertiefen können. Du merkst also: Praxis ist auch uns sehr wichtig. Wir wollen, dass unsere Absolvent:innen ihre neuen PS aus dem MBA auch auf die Straße bringen können und letztlich strategisch mitbestimmen.
Womit wir wieder bei der strategischen Doppelrolle wären. Würdest du sagen, dass alle Betriebsräte auch Strategen sein müssen?
Für mich gilt eigentlich grundsätzlich die Formel: Strategie schadet nie. Aber Strategie in dem Sinne und in der Tiefe, wie wir es in unserem MBA lehren, ist nicht für alle Betriebsrät:innen relevant – für einige dafür umso mehr. In der Regel sind es die Betriebsratsvorsitzenden, Ausschussleitungen oder ambitionierte Nachwuchskräfte, die am Ende die Doppelrolle einnehmen. Mit Blick auf unseren MBA würde ich sagen: Je größer das Unternehmen und je größer das Gremium, umso relevanter werden Strategiefragen – und damit auch unser MBA.
Wenn ein Betriebsrat jetzt studieren will: Wie sieht es dann mit der Finanzierung aus?
Grundsätzlich ist es unsere Idee, dass der Arbeitgeber für das Studium zahlt. Schließlich sollte er ein Interesse daran haben, dass gerade die Betriebsrät:innen in Führungsrollen verstehen, worauf es bei der strategischen Entwicklung des Unternehmens ankommt. In vielen Unternehmen ist es nichts Neues, dass aktuelle oder angehende Führungskräfte unternehmensfinanzierte MBAs machen. Je nach konkreter Konstellation können auch Teile des Studiums nach § 37 Abs. 6 BetrVG besucht werden. Außerdem gibt es Studienfördermittel für engagierte Kolleg:innen, so dass ein Studium eigentlich nie an der Finanzierung scheitern sollte.
Letzte Frage: Muss man irgendwelche Voraussetzungen erfüllen, um den MBA studieren?
Streng genommen muss man noch nicht mal Betriebsrat sein, um bei uns zu studieren (lacht). Die wichtigste Voraussetzung ist erst mal die eigene Lernmotivation und das Interesse an Strategiefragen. Wer Führungsverantwortung im Gremium, im Unternehmen oder in Gewerkschaften übernehmen will, ist bei unserem MBA genau richtig. Grundsätzlich muss man ansonsten berufstätig sein. Zusätzlich braucht man entweder einen ersten Studienabschluss, die Fachrichtung ist egal. Oder man bringt etwas Vorlauf mit, macht unseren digitalen Kurs in wissenschaftlichem Arbeiten und legt dann unsere Eignungsprüfung ab.