Liebe Jana, liebe Charlotte, zusammen mit der Technischen Universität Hamburg und der Leibniz Universität Hannover habt ihr das neue Forschungsprojekt MoBA gestartet. Worum geht es bei dem Projekt?
Jana Wienberg: Mobiles Arbeiten spielt eine immer größere Rolle in Betrieben, auch schon in der Ausbildungszeit. Wir wissen aber relativ wenig darüber, wie diese Veränderung die berufliche Bildung beeinflusst. Die Auswirkungen von mobilen Arbeiten auf die betriebliche Bildung sind bisher weitgehend unerforscht. Wir gehen davon aus: Wenn Auszubildende nicht mehr ausschließlich vor Ort im Betrieb lernen, verändern sich die Bedingungen des Lernens und Arbeitens grundlegend. Also haben wir MoBA konzipiert, um hier etwas Licht ins Dunkelle zu bringen.
Charlotte Blücher: MoBA steht für „Mobile Berufsausbildung – Arbeitsorganisation, Kompetenzentwicklung und berufliche Sozialisation”. Wir erforschen, wie sich mobiles Arbeiten und Lernen auf die Berufsausbildung auswirkt und wie sich die Arbeits- und Lernbedingungen von Auszubildenden dadurch verändern. Uns interessiert besonders, wie sie ihre mobilen Arbeitsformen erleben und welche Folgen die neuen Arbeitsformen für ihr Lernen, ihre Kompetenzentwicklung und ihre berufliche Sozialisation haben. Und wir untersuchen, welche neuen Herausforderungen für alle Beteiligten entstehen. Da wir die ersten sind, die sich mit diesem Thema genauer beschäftigen, wollen wir erstmal schauen, was da überhaupt passiert. Arbeiten die Auszubildenden alleine im Home-Office oder treffen sie sich in Gruppen? Werden nur bestimmte Aufgabenebereiche mobil erledigt? Und wie verändert sich die betriebliche Kommunikation? Ein wichtiger Punkt ist dann auch die Entgrenzung. Wenn man überall und zu jeder Zeit arbeiten kann, beeinflusst das auch die Erwartungen an Erreichbarkeit.
Ihr nehmt also weniger die Inhalte der Ausbildung in den Fokus als das soziale Miteinander im Betrieb?
Charlotte: Genau. Betriebliches Lernen ist auch Zusammenarbeit mit Kolleg:innen. Neben den fachlichen Ausbildungsinhalten erlangen Auszubildende auch soziale Kompetenzen und erleben sich bestenfalls als selbstwirksam. Dabei kommt es auf die Kultur im jeweiligen Betrieb an. Manche befähigen dazu, sich einzubringen und mitzubestimmen, während andere hierarchischer sind. Auszubildende erfahren dann eher Fremdbestimmung und bekommen weniger Selbst- und Mitbestimmungsmöglichkeiten. Mobiles Arbeiten kann auch hierauf einen Einfluss haben.
Jana: Das ist eine wichtige Frage. In Deutschland ist die duale Berufsausbildung traditionell eng mit dem Berufsprinzip verbunden. Das Berufsprinzip soll sicherstellen, dass Auszubildende nicht nur kurzfristig für die Anforderungen eines einzelnen Betriebs qualifiziert werden, sondern eine umfassende berufliche Handlungsfähigkeit entwickeln und dadurch auch eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber betrieblichen Interessen gewinnen. Auch mobiles Ausbilden soll die Selbstbestimmung von Auszubildenden fördern. Wir stellen deshalb die Frage, wie mobiles Arbeiten so gestaltet werden kann, dass die Interessen und Lernbedürfnisse von Auszubildenden gewahrt werden und sie hier die gleichen Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten erhalten wie in Präsenz.
Welchen Beitrag wollt ihr zur Beantwortung dieser Frage leisten?
Charlotte: Wir untersuchen, wie und unter welchen Bedingungen mobiles Arbeiten funktioniert und welche Unterstützung dabei benötigt wird. Die Ergebnisse sollen zu konkreten Handlungsempfehlungen beitragen. Das ist auch wichtig für die Mitbestimmung. Betriebsräte können beispielsweise mitentscheiden, wie mobiles Arbeiten im eigenen Betrieb aussieht. Unsere Forschung kann ihnen dabei helfen, Regelungen zu entwickeln, die nicht einseitig die betriebliche Effizienz im Blick haben, sondern gute Ausbildungsbedingungen sicherstellen.
Jana: In Zeiten wirtschaftlicher Veränderungen sind hochwertige Qualifizierungen besonders wichtig. Beschäftigte stehen etwa in Transformationsprozessen immer wieder vor neuen Herausforderungen. Sie sollten diese Veränderungen nicht nur bewältigen, sondern auch aktiv mitgestalten können. Die Grundlage dafür wird in der Ausbildung gelegt. Die Ausbildung ist für viele junge Menschen der erste intensive Kontakt mit der Arbeitswelt. Die Art und Weise, wie sie dort Zusammenarbeit lernen und die betriebliche Kultur erleben, ist oft prägend für das weitere Arbeitsleben. Unserer Forschung dazu, wie berufliche Sozialisation unter Bedingungen mobilen Arbeitens verläuft, wirft deshalb auch einen Ausblick auf die Entwicklung von Identität, Teilhabe und Mitbestimmung im Arbeitsleben insgesamt.
Wie sehen jetzt die nächsten Schritte im Forschungsprozess aus?
Charlotte: Wir führen gerade Interviews mit Auszubildenden und Ausbilder:innen zu ihren Erfahrungen mit mobilem Arbeiten. Dabei haben wir uns mit unseren Forschungspartner:innen aufgeteilt: Wir an der University of Labour untersuchen die Metall- und Elektroindustrie. Die Kolleg:innen an der Technischen Universität Hamburg und der Leibniz-Universität Hannover untersuchen die Chemieindustrie und den Dienstleistungssektor. Die Ergebnisse führen wir dann zusammen und werten wir die Interviews systematisch aus. Wir analysieren dann, welche Herausforderungen, Lernstrategien und Formen beruflicher Sozialisation sich unter den Bedingungen mobilen Arbeitens zeigen und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es in den Branchen gibt.